Sandra Senn

:: „Komm, lass uns los und was entdecken!“, ruft Sandra Senn, schnürt ihre Schuhe und kümmert sich dabei wenig darum, dass es Leute gibt, die glauben, die Welt sei längst schon entdeckt worden. Losziehen und erkunden, das kann man auch vor den Bildern der Fotografin, wenn man sich die Freiheit und Muße nimmt, in sie hineinzusteigen. Zunächst ist da die Verführung durch den Effekt, die offensichtliche, manchmal geradezu naive Kollage oder auch nur der kleine Eingriff in die Landschaft, der ihr Erscheinungsbild gerade so weit überdreht, dass sich das Image von der Wirklichkeit loslöst. Dann erst beginnt die Wanderschaft durch die Details, mit denen Senns Bilder nicht geizen, denn sie sind präzise Modelle einer phantastischen Welt zwischen Trugbild und Gewissheit.

Was ist das für ein seltsamer Turm, der da hinter den Nebelbergen hervor lugt, die doch aussehen, als seien sie ein abgeschlossenes Universum für sich? – Wann hatte die Fotografin wohl Gelegenheit, den Vulkanausbruch auf einem unbekannten Stern zu beobachten, der aussieht, als stamme er direkt aus Der kleine Prinz? Wir überlegen fast zwangsläufig, wie wohl einst Saint-Exupéry, ob hier nicht doch eine Notlandung angebracht sein könnte und sei es nur aus Neugier. – Was ist nur passiert, dass der Palast der Republik, der in Sichtweite zum Atelier der Künstlerin stand und längst verschwunden ist, vom Meer umspült an fernem Ort wieder auftaucht?

Das Märchenhafte schwingt wie ein barocker Basso continuo durch alle Bilder. Es lagert sich tief in den satten Pigmenten ab, leuchtet sinnlich aus dem edlen Büttenpapier und schärft die Sinne. Verstanden werden will es als Aufforderung zur gedanklichen Improvisation. Man wird verleitet, die Scheidelinie zwischen dem Abbild des Realen und dem Manipulativen aufzuspüren, bis man irgendwann die Welt der Sandra Senn als eine eigenständige akzeptiert und sich um Grenzziehungen nicht weiter schert.

Denn in einem solchen Kosmos gefrieren Bergseen zu atemberaubenden Panoramen, ohne dass die Künstlerin massiv intervenieren müsste, zugleich aber erscheinen die Betontürme des Palastes der Republik als sehr beweglich, tauchen mal als archäologische Fundstätte auf, wirken dann wieder wie die Baustelle eines ambitionierten futuristischen Architekturprojekts, oder erheben sich wie eine Bohrinsel im Schweizer Bergpanorama. Die unberührte Natur wird dann augenzwinkernd als Schimäre der Tourismusindustrie entlarvt, denn dieser Beton, der hier hervorbricht, ist nur die berühmte Spitze des Eisbergs, der sichtbare Gipfel eines Bunkersystems, das das Land der Eidgenossen unterminiert und in dem der Geist alpiner Paranoia haust.

Sandra Senn ist Künstlerin, aber eben auch Schweizerin, und sie besitzt einen Humor, wie ihn auch die beste Literatur des Landes auszeichnet. Eher fein als derb, treffend, jedoch ohne Zynismus, und stets ein wenig verschroben. Das Gewohnte wird in einen Schwebezustand versetzt, ein klein wenig überzeichnet, in den Konturen geschärft. Doch nie werden die Impressionen zu selbstgefälligen Bravourstücken, die mit illusionistischen Reizen zu kokettieren suchen.

So trivial es klingen mag, Sandra Senn ist unterwegs mit weit offenen Augen. Sie begreift jeden Ort, den sie durchstreift als Herausforderung zu einer Forschungsarbeit, tritt den Phänomenen entgegen und registriert sie unbefangen, gleichermaßen emanzipiert von Darstellungskonventionen wie von Diskursen über Virtualität à la Baudrillard. Von den Phänomenen bei der gedanklichen Arbeit auch schon mal geblendet zu werden, gehört unabdingbar dazu, wie das Licht, dass beim Gedankenaustausch durch das Atelierfenster auf ihren Computer fällt: „…im zwinkerndem Augenspiel der mir entgegen lachenden Herbstsonne versuche ich die Buchstaben auf der Tastatur zu erwischen….. wie schön!“ Sich der Schönheit des Irritierenden auszusetzen, es zuzulassen und nicht umgehend zu rationalisieren, ist eine alte surrealistische Errungenschaft, die ein wenig aus der Mode gekommen ist. Sandra Senn hat sie mit vitalen Ansichten und erfrischenden Aussichten neu belebt.