Buddhisten lieben Photographien

:: Sengende Sonne! Ich habe mich in den Schatten meines kleinen chinesischen Hauses mit Blick auf den Mekong geflüchtet und und lausche dem Raga des Ventilators an der Decke, ohne den die Hitze kaum zu ertragen wäre. Kein Gebäude kommt ohne diesen künstlichen Luftstrom aus, auch an den Decken der Tempel drehen sich die Propeller. Mein Telefon klingelt: „Sabaydee!“ „Do you speak Lao? Ich bin Ong1, der Assistent von Hans Georg Berger2. Souk3 bat mich, Dich anzurufen. Der Scanner ist nun in Vientiane, hat alle Formalitäten durchlaufen. Die wussten gar nicht, was das ist, ein Scanner. Dachten an einen Personenscanner, wie an Flughäfen. Die Kiste wurde dann geöffnet. […] Ist alles OK. Wir haben versucht, die Kiste mit dem Flugzeug nach Luang Prabang zu verfrachten. Geht aber nicht, sie ist zu gross, sie passt nicht rein. […] Dann wollten wir sie mit dem Bus transportieren, auf dem Dach – aber sie ist zu gross. […] Jetzt suchen wir einen Truck, der heute oder morgen, oder übermorgen, nach Luang Prabang fährt…“
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Der Fan über Veranda unserer Arbeitsräume am Vat Khili, Luang Prabang, Laos

Die photographischen Sammlungen der Mönche von Luang Prabang reichen bis in die vorkoloniale Zeit, bis in die Jahre der großen Expeditionen von Henri Mouhot4 und Francis Garnier5 zurück. Damals dauerte eine Reise nach Saigon mit den gerade modernen, kaiserlich französischen Postdampfern (messageries impériales), ausgehend vom französischen Mittelmeerhafen Marseille, fünf Wochen: „Die Abfahrt in Marseille findet am 19. jeden Monats statt; am 26. ist der Dampfer in Alexandria; am 3. des nächsten Monats in Aden; am 20. in Singapore, am 23. in Saigon, […]“6 Man sollte meinen, dass damit der größte Teil der Reise geschafft war. Was die Länge der Strecke betrifft, ist dies korrekt. Jedoch: der längste (bezüglich der Dauer), anstrengendste und gefährlichste Teil steht noch bevor.
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Schnell nach Hause! Stromschnellen, Untiefen, Treibholz (ganze Baumstämme),
Nagas: Kein Schiffer möchte nachts auf dem Mekong fahren: zu gefährlich, bis heute.

Vom Delta des Mekong stromaufwärts bis Luang Prabang sind es eigentlich nur noch etwa tausend Kilometer. Aber befestigte Strassen durch den Dschungel gibt es nicht, der Fluss nur teilweise schiffbar und gefährlich. Es gibt reissende Stromschnellen und da sind noch die heimlichen Herrscher des Mekong, die Nagas: mytische Wesen die, halb Schlange – halb Mensch, in Glaspalästen am Grunde des Mekong leben und Boote und Menschen zu sich ziehen. „1867 benötigte die Expedition Garnier von Saigon bis Luang Prabang, mit Zwischenstops bei den lokalen Fürsten ein ganzes Jahr,“ erläutert mir Jochen Grabowsky,7 „bis heute ist die Strecke nicht durchgehend schiffbar.“8 Aber trotzdem, heute geht das alles ja wohl viel schneller.
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Trotz der enormen Hitze: Baden nur in Ufernähe! Die Strömung ist so stark, daß ich es mit einiger Mühe schaffe auf der Stelle zu schwimmen.

°„Hallo, hier Khomvone9, Mister Michael?“ „Sabaydee!“ „„Sabaydee. Wir finden keinen Truck, wir müssen selbst einen mieten, oder einen PickUp. Das kostet drei Millionen Kip, ich kann das nicht entscheiden, sorry, ich muss da erst Ajahn Hans fragen…“ Ich will mich nicht beschweren, die Kiste ist doch gerade mal zwei Wochen unterwegs. „Mister Michael? Der Scanner ist auf dem Weg, Montag ist er da.“ Sowieso ist Wochenende – da ruhen die Arbeiten im Archiv am Vat Khili.
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Alte, leere Bilderrahmen. Sorgfältig gereinigt und mit der Archivnummer der hieraus entnommenen Photographie versehen.

„Buddhisten lieben Photographien. Viele haben Altäre mit den Portaits besonders ehrwürdiger oder beliebter Äbte in ihren Häusern. Auch wenn Söhne, Enkel oder Neffen als Mönch ordinieren, lässt man Photos anfertigen und stellt sie auf. Man glaubt, dass etwas von deren geistiger Kraft auf den Betrachter übergeht.“ Wibke Lobo10, meine Nachbarin, kommt zwei Mal im Jahr für vier Wochen nach Luang Prabang um die Identifizierung und Katalogisierung von Objekten aus den Hinterlassenschaften verstorbener Äbte zu betreuen. „Die Entdeckung dieser Sammlung ist eine Sensation, mit der niemand gerechnet hatte. Sie ist nur dem ausserordentlich grossen Vertrauen zu verdanken, das Hans Georg Berger bei dem verstorbenen Phra Khamchanh Virachittathera genossen hat. Eines Tages, nachdem sich die Beiden schon fast zehn Jahren lang kannten, kam Phra Khamchanh Virachittathera zu Hans und sagte: »Ich habe da ein paar alte Fotos…« Und jetzt kommen immer mehr, immer mehr Äbte wenden sich ans Archiv und sagen: »Wir haben auch welche…«“
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Und dann kam der Regen. Blick aus den Arbeitsräumen im Vat Khili.

Einige der Arbeiten habe ich zwar als Archiv-Scan sehen können, doch sind die alle so korrigiert, dass sowohl Historiker als auch Laien den Bildinhalt gut erkennen können, also, wer oder was auf den Photographien abgebildet ist. Meine Aufgabe lautet Faksimiles der Originale herzustellen, Reproduktionen, die den momentanen Ist-Zustand repräsentieren, mit all den Folgen der hiesigen Bedingungen, die im Laufe der Zeit das ursprüngliche Bild mehr oder weniger veränderten. Ich freue mich darauf endlich richtig loslegen zu dürfen. „Der Fahrer hat angerufen. Er kommt nicht voran. Durch einen Taifun vor der vietnamesischen Küste sind die Straßen unpassierbar. Es regnet so stark, er muss immer wieder anhalten…“
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Wenn es regnet, dann mitunter heftig. Trottoir und Straße vor meiner Haustüre.

Seit etwa fünfzehn Jahren gibt es eine durchgehend asphaltierte Straße von Vientiane nach Luang Prabang. Wenn alles gut geht, ist die Strecke in acht Stunden zu schaffen. Unser Fahrer ist nun bereits seit vier Tagen unterwegs. Martin Jürgens11 hat recht behalten: „Es läuft dort alles ganz anders, Du solltest zwei Gänge runterschalten“. Ich stelle mich auf einen weiteren arbeitsfreien Tag ein. Am späten Abend, nach einem Spaziergang durch die Gassen der kleinen Stadt finde ich eine Nachricht von Wibke Lobo an meiner Haustüre: „Der Scanner ist angekommen […].“ Endlich!
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Wirklich! Er ist da! Es kann los gehen!!
Fußnoten
1 Ong werde ich zu einem späteren Zeitpunkt vorstellen
2 Hans Georg Berger ist als Leiter des Buddhist Archive of Photography auch für die Kontrolle des knapp bemessenen Budgets verantwortlich
3 Khomsouk gehört zu den verantwortlichen Mitarbeitern des Projekts
4 Eine Kurz-Biographie des französischen Naturforschers Henri Mouhot auf Wikipedia und einen kurzen Artikel auf der deutschsprachigen Website der Zeitschrift National Geographic
5 Artikel über die französische Expedition Garnier auf der deutschsprachigen Website der Zeitschrift National Geographic
6 Das neue Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien, Ergänzungsband: Der Weltverkehr und seine Mittel, Seite 161. Verlagsbuchhandlung von Otto Spamer, Leipzig und Berlin, 1868
7 Der Historiker Prof. Dr. Volker Grabowsky sichtet und übersetzt für das parallel laufende Projekt des Buddhist Museum schriftliche Aufzeichnungen aus den Beständen der Klöster in Luang Prabang
8 Bis heute ist die Fahrt den Mekong stromaufwärts ein Abenteuer, wie diese in der Zeitschrift Stern veröffentlichte Reportage berichtet.
9 Khomvone gehört ebenfalls zu den verantwortlichen Mitarbeitern des Projekts
10 Dr. Wibke Lobo war (bis zu ihrer Pensionierung) Leiterin des Fachreferats für Südostasien im Ethnologischen Museum Berlin. Ein Essay in Hans Georg Bergers Fotodokumentation Het Bui Dai Bun über Rituale und Bräuche des Theravada-Buddhismus in Laos stammt aus ihrer Feder.
11 Der Fotorestaurator Martin Jürgensist für die konservatorischen Fragen des Projekts verantwortlich. Seit 2010 arbeitet er hauptberuflich als Fotorestaurator am Rijksmuseum Amsterdam. Der Artikel Lord Kelvins sprühende Idee – Zur Geschichte und Haltbarkeit des Fine Art Tintenstrahldruck Teil 1: Geschichte des digitalen FineArt-Print und Teil 2: Haltbarkeit digitaler FineArt-Prints auf dieser Website stammt aus seiner Feder.