Communication Breakdown – oder:
Das Ende der Katastrophischen Kunst

:: Schwer genug, perfekte Werke zu kreieren, Kunstwerke, die bis in die verborgensten Adern des Materials prachtvoll sind. Schwieriger ist es, perfekte Werke, die bereits existieren, neu zu erschaffen, beispielsweise, um ein vom Verfall bedrohtes Unikat dadurch zu retten, dass das Ebenbild an Stelle des Vorbild tritt. Artificial Image, Laboratorium für digitale Druckkunst, transferiert Originale bildlicher Herkunft auf abenteuerliche Materialien wie ägyptisches Papyrus, chinesische Raufasertapete oder Hartglasfolie. Meist geht alles gut. Manchmal aber, wenn sich die Maschinen am Auftrag abrattern und stunden-, ja nächtelang Abermillionen Pixel sortieren, geschehen Wunder der katastrophalen Art: Die Crew kehrt zurück und findet Werke vor, die sie nicht in Auftrag gegeben hat. Alles kreuzweise verkehrt und stringent falsch. Kreischend rennen die Arbeiter um die Maschinen, drücken Stop-Tasten und versuchen teures Restpapier zu retten. Zu spät. Oft sind die ratternden Roboter in der traumatisch-ekstatischen Phase der Chaosproduktion nur durch Ziehen des Netzsteckers zu stoppen. Danach ist Neukonfiguration fällig.cmmbrkdwn_01_064x490

Legt sich die Panik, ist das Staunen bisweilen groß: Die Druckergebnisse sind perfekt bis in die verborgensten Adern des Materials und prachtvoll im Detail wie in der Totale. Wunderbare großformatige Werke in atemberaubender Qualität. Nie zuvor gesehene Mosaike, arabisch anmutende Muster, Partituren wie Musiknoten und mutmaßliche Mondlandungen in gestochen klarer Schärfe. Manchmal entsprechen sie dem Farbspektrum des Auftrags, doch oft lässt nichts an das Original erinnern. Mal verwirbeln sich Dreiecksformen mit Streifen, mal wehen filigrane Schleier in fraktalchaotischen Farbübergängen, mal scheint sich Wasser zu kräusen oder eine antike Fotografie nachkoloriert worden zu sein. Künstler hätten lange darüber getüftelt. Waren gemeinsam mit dem Künstler eines Projekts Wege und Tricks gefunden worden, die maschinellen Möglichkeiten auf die individuellen Besonderheiten der Kunstreproduktion hin einzurichten, so bleiben nach einem Blackout bisweilen auch langwierig antrainierte Feinjustierungen auf der Strecke: In brüderlichem Verhältnis zu den Apparaten hat Michael Maria Müller die Schnittstellen kreativ auf optimale Druckqualität konditioniert. Sie vermögen weit mehr als die Gebrauchsanweisung verspricht. Müller hat die Maschinen frisiert und sollte sich nicht wundern, wenn sie ab und an selbst den Pinsel schwingen.cmmbrkdwn_03_064x490Wie und weshalb die Werke entstanden sind, ist in der Regel nicht nachvollziehbar. Es gelang bislang nicht, identische Fehler ein zweites Mal zu realisieren. Sie bleiben das Geheimnis der Apparate. Minimale Netzwerkstörungen, Spannungsabfälle, kurzzeitige Speicherabstürze oder mikroskopischer Faserschmutz am elektrostatisch geladenen Düsenvibrator können verantwortlich sein. Bisweilen spielen Mac und Microsoft Krieg, bisweilen lag ein Hebel falsch. Entsprechend groß die Verwirrung. Die Matrix des Abgründigen scheint im Augenblick eines explosionsartigen Kollapses zu entstehen, der die Maschinen ereilt wie ein Blitz. Die autistischen Werke gleichen psychotischen Zuständen, die als fotografische Röntgenblicke oder algorithmische Analysen interpretiert werden können. Der Clash wirkt wie ein Aufstand der Systeme, die verzweifelt Vertrauensverlust signalisieren. Angesichts der Perfektion in Ästhetik und Stringenz der Resultate fragt sich Michael Maria Müller oft, ob nicht Künstler aus dem Jenseits wirken oder Geist die Maschine beseelt.cmmbrkdwn_02_064x4901Die geheimnisvollen Werke sammelt er seit über zehn Jahren. Sie lagern in großen Schubfächern, sind konservatorisch temperiert und sehen selten das Licht. Die farbenfrohen Kompositionen mit eigenwilligen Bildaufteilungen, die mysteriösen Paraden von Strichcodes in rasanter Dynamik, und die Piktogramme voller Brüche, Schärfe und Tiefenkontrast gebühren einer öffentlichen Präsentation, denn sie sind Zeugnisse technisch hochentwickelter Nervenzusammenbrüche. Also präsentiert Müller hier die historischen Katastrophenwerke – zu einem Zeitpunkt, an dem das Entstehen von Unfallbildern in paradoxer Weise auf Zäsur steht: Die neuesten Scan-, Druck- und Schnittstellenmodule sind nahezu vollkommen. Das widerborstige Eigenleben ist durch Störungslosigkeit und Fehlerabwehr stillgelegt. Vorbei sind die Zeiten der Ausnahmezustände durch Testläufe, Betaversionen und Selbstimplementierungen, nun beherrschen die Wundermaschinen naturidentisch alles und sind noch weniger zu durchschauen als die Vorgänger. Die eigenwillige Kreativität ist gebannt. Im Falle interner Wirrnis setzen sie diese nicht irgendwie um, sondern stellen sich tot. Die technisch immer besser aufeinander abgestimmten, komplexen Schritte lassen die Maschinen immer seltener ausbüchsen. Im Moment des rasanten Evolutionsschubs der Apparate gilt es die Stufen der Entwicklung durch deren wutanfallähnlichen Fehltritte zu dokumentieren und reflektieren. cmmbrkdwn_04_064x490Müller will die Maschinen in ihrem kreativem Übermut erhalten wissen: Wider die Perfektion werden Algorithmen der Freiheit gesucht und Eingriffsmanöver erbastelt. Die Alleskönner sind in einer weiteren Runde ihrer Entwicklung spielerisch herausgefordert. Der Hindergrund ist pragmatischer Art: Die geradezu steril auf eindimensionale Rundumperfektion geeichten Programme sind auf individuelle Ansprüche zu trimmen. Die Handschrift von Artificial Image soll den Maschinen in Mark und Bein gehen. Modifizierungen mögen gefährlich sein, doch Nietzsche grüßt mit tanzendem Stern, Baudrillard empfiehlt virale Strategien und Flusser feiert das Komputieren als Kreativitätsschub zwischen Mensch und Maschine. Das Unmögliche also sind nicht die Wunder, sondern die kommunikativ einfachsten Prozesse. cmmbrkdwn_06_064x490So wenig eine Kunst-Taste implementierbar ist, so folgenreich haben absurde Rückkopplungen beispielsweise von E-Gitarren bereits zu epochenprägenden Innovationen geführt. Ohne Unfall ist mit Evolution nicht viel los. Die Unwahrscheinlichkeit freilich kommt, wenn niemand damit rechnet und wenn niemand sie will. Artificial Image arbeitet fleißig an Werken für den Kunstsektor. Manchmal, wenn die Aufträge sich stauen, laufen die Maschinen auch nachts. Es ist alles unter Kontrolle.