Denken Sie nicht! Sehen Sie!

:: „Sie werden nichts von dem verstehen, was sie dort sehen, wenn Sie sich nicht mit dem Buddhismus auseinander setzen“‚ rät mir Hans Georg Berger und empfiehlt mir ein Buch2. Hans Georg Berger ist Künstler, Wissenschaftler und seit 2006 Leiter eines von der British Library durchgeführten Projekts3, dem Buddhist Archive of Photography am Vat Khili der ehemaligen laotischen Königsstadt Luang Prabang. Rund 35.000 Negative und Papierabzüge sollen digitalisiert und katalogisiert werden, bevor die tropische Hitze am mittleren Lauf des Mekong die wohl einzigartige fotografische Sammlung mit Blicken aus dem Inneren des Buddhismus unwiederbringlich zerstört.
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Eingang zum Sim (Versammlungshalle) des Vat Khili, Luang Prabang, Laos.
Hier befindet sich das „Buddhist Archive of Photography“.

Es waren, es sind die Mönche selbst, die sich, ihre Zeremonien und die stetige Veränderung dieser kleinen Stadt im Dschungel dokumentierten. Bis ins Jahr 1880 reichen die Aufnahmen zurück, in eine Zeit, in der Laos noch nicht Teil des französischen Kolonialreichs Indochina war. Diplomatische Beziehungen bestanden bereits; ein Geschenk der französischen Regierung an das laotische Königsshaus, eine Kamera, wurde an die Mönche eines benachbarten Klosters weitergereicht. Die taten genau das, was die meisten Leser dieser Zeilen, mich eingeschlossen, mit einer Kamera tun: sie photographierten4. Und taten damit etwas, was ich bei buddhistischen Mönchen nicht vermutet hätte: sie hielten ihre Sicht fest.
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Vom morgendlichen Almosengang zurückkehrende Mönche,
im Hintergrund der Vat Khili, Luang Prabang, Laos.

Genau an dieser Stelle nun tappe ich in unbekanntes Terrain und sehe die Notwendigkeit, meinen Begriff des Sehens zu hinterfragen. „Man sieht nur, was man weiß“ wußte Johann Wolfgang von Goethe und ich bin sicher: hier sah er ganz recht. Ich weiß aus den Erzählungen meiner Mutter, dass sie jedes Mal bevor sie mich auf den Wickeltisch legte einen Schalter drehte und dabei sagte: „Licht“. Vermutlich hat mich dieses grelle Ding an der Decke eher gestört und vermutlich empfand ich das, was meine Mutter auf dem Wickeltisch mit mir machte, wesentlich angenehmer. Sicherlich wanderte meine Aufmerksamkeit zwischen den Empfindungen und Objekten hin und her. Und es dauerte eine Weile bis ich begriff, aber irgendwann lernte ich mein erstes Wort – eben: Licht. Andere Kinder lernen andere Begriffe – es mag nicht jedem schmecken wenn ich behaupte, daß derlei Dressuren das Leben formen. Doch endlich, irgendwann, glaubt man sich erwachsen und sieht nur noch das, was man sehen will. „Wir sehen vorwiegend das, was wir zu sehen erwarten – oder sehen wollen –, und blenden alles, was nicht in unser Realitätsmodell passt, aus. In anderen Kulturen lernen die Kinder die Dinge anders wahrnehmen und begreifen“5
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Der Viharn des Vat Khili, Luang Prabang, Laos

Jack Kerouac sagte einmal:
»Die Buddhisten haben Recht. Die Welt ist upside down.«6, 7

Sehen Buddhisten also anders? Tatsächlich gibt es den im Buddhismus zentralen Begriff des Vipassana. Dieses aus der alten indischen Hochsprache Pali stammende Wort ist von zwei Wurzeln abgeleitet. Passana bedeutet sehen oder wahrnehmen, vi ist eine Vorsilbe mit einem komplexen Gefüge von Assoziationen; die Grundbedeutung ist auf eine besondere Weise.8 Tatsächlich ist dies genau das, was das Projekt Artificial Image insgesamt so spannend macht: die Arbeit mit Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben die Welt mit eigenen Augen zu betrachten. Dafür mag es viele Wege gehen, in der westlichen Welt sind es im allgemeinen die Künstler, die diese Aufgabe übernommen haben. Im Osten wählt man wohl eher den Weg der Meditation. Keiner dieser Wege ist leicht, alle erfordern Hingabe, Ausdauer und Konzentration. Der Buddhismus fordert zusätzlich ständige Achtsamkeit und „die Fähigkeit, hier und jetzt in voller Klarheit die eigenen inneren und äußeren Zustände […] zu erfahren.“9
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Kuti (Schlafunterkunft und Meditationsraum) im Vat Khili, Luang Prabang, Laos.

Was und wie photographieren Mönche, welche Photographien sammeln sie? Vielleicht ist es reine Neugier, purer Egoismus, der mich dazu bringt, eine exakt 120 x 90 x 85 Zentimeter große, etwa 150 Kilogramm schwere Holzkiste, voll gepackt mit hochwertigem Scan-Equipment nach Laos zu verfrachten, in eine Kleinstadt im Dschungel; bevor ich mich selbst auf den Weg mache, ohne so recht zu wissen, was mich dort erwartet? Immerhin empfinde ich es als Luxus und bin dankbar über die Gelegenheit, vier Wochen lang dem Stress zu entkommen, den das Leben in Berlin oft mit sich bringt. Und statt dessen in Ruhe einer Arbeit nachgehen zu dürfen, die ich wirklich mag, die ich für wichtig halte und über die ich an dieser Stelle weiter berichten möchte.

Teil 2: Buddhisten lieben Photographien

Fußnoten
1 Mahathera Henepola Gunaratana. Die Praxis der Achtsamkeit, Eine Einführung in die Vipassana-Meditation, Seite 52. Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg, 1996
2 Damien Keown. Der Buddhismus. Eine kurze Einführung. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2001
3 Endangered Archives. Archive of Buddhist photographs in Luang Prabang, Laos –
pilot project 2006, major project 2007, major project phase II, 2009
4 Ich entscheide mich hier bewusst für die traditionelle Schreibweise, eben wegen der Historie, aber auch, weil die Schreibweise mit „ph“ im Deutschen gerne dann gebraucht wird, wenn auf die Besonderheit so bezeichneter Photographien aufmerksam gemacht werden soll.
5 Damien Keown. Der Buddhismus, Eine kurze Einführung, Seite 9. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2001.
6 Jim Jarmusch. Ich habe einen Traum. Die Zeit. Ausgabe 06/2001
7 Eines Abends (das müsste so um 1984 herum gewesen sein), in meditativer Stimmung, unternahm ich ein dadaistisches Experiment mit unerwartetem Ausgang. Da ich zur Zeit noch in Laos bin, habe ich keine Chance, das Ergebnis online zu stellen. Ich hole dies bei Gelegenheit nach.
8 Mahathera Henepola Gunaratana. Die Praxis der Achtsamkeit, Eine Einführung in die Vipassana-Meditation, Seite 52. Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg, 1996
9 Michael Carrithers. Der Buddha, Eine Einführung, Seite 69. Philipp Reclam jun. Stuttgart, 1996