Die erste der Nachwelt überlieferte Fotografie, ein „Blick aus dem Arbeitszimmer“, entstand 1826 in acht Stunden Belichtungszeit in der französischen Kleinstadt Chalon-sur-Saône. Der Chemie-Tüftler Nicéphore Niépce hatte jahrelang mit Asphaltlack, der durch Lichteinwirkung aushärtet, und mit Lavendelöl experimentiert, ehe er Licht und Schatten auf einer beschichteten Zinnplatte festhalten konnte. 1952 fand der Fotohistoriker Helmut Gernsheim die Fotoplatte auf einem Dachboden in England und erstellte in aufwendiger Prozedur die erste Reproduktion.
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Andreas Müller-Pohle. Digitale Partituren I (nach Nicéphore Niépce), 1995
Acht Iris Prints auf Aquarelle Arches satiné 356 g/qm

Mit der Marktreife der Lichtabbildungen begann 1839 die Karriere der klassischen Fotografie. Hatte die Erfindung der Schrift die Imagination auf immer fixierbar gemacht, so konnte nun auch das unmittelbar Sichtbare zu Papier gebracht werden. Authentisch und klar war die Welt jetzt zu sehen, die Fotografie erschien wahrer noch als Sprache und Wort. Zufall und Kalkül waren nichtsdestotrotz schon immer im Spiel, denn zwischen Aufnahme und Belichtung war Platz für künstlerische Freiheit. Jedes Bild war eine Interpretation der Welt. Doch Zufall und Kalkül sollten erst jüngst durch die Entwicklung der digitalen Strategien zur Bewährungsprobe für die Fotografie werden.

Zu Anbeginn des kulturellen Kampfes zwischen analoger Fotografie und deren digitaler Fortführung sinnierte der Künstler und Fotograf Andreas Müller-Pohle über den Wesensgrund des Fotografischen und scannte, fasziniert von der Materialität des „Blicks aus dem Arbeitszimmer“, die erste Originalreproduktion, die Gernsheim in seiner „Geschichte der Photographie“ abgedruckt hatte, in einen Rechner. Die Materialität des Bildes war nun dem Immateriellen des Computers überantwortet. Müller-Pohle verwandelte das Bild zum Tiff und generierte die Materialität als abstrakten Code. Zahlen, Buchstaben und Steuerzeichen drängten sich eng aneinander: Sieben Millionen Bytes waren der textualisierte Extrakt der Fotografie im Alphanumerischen. Müller-Pohle hatte den genetischen Code des Bildes freigelegt, ihn in die Freiheit der digitalen Wandelbarkeit überführt und beliebig reduplizierbar gemacht. Die „Digitalen Partituren“ (1995) sind die erste digitale Beschreibung der ersten Fotografie und damit der algorithmisierte Urschrei des Fotografischen.
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Andreas Müller-Pohle. Digitale Partituren III (nach Nicéphore Niépce), 1998
Acht Iris Prints auf Aquarelle Arches satiné 356 g/qm

Die erstmals in der Ausstellung „Fotografie nach der Fotografie“ entwickelten Bildcodes zurück in die Materialität eines Ausdrucks auf Papier zu bringen wurde zur printtechnischen Herausforderung: Die sieben Millionen Bytes sollten auf acht quadratischen Tafeln dargestellt werden. Müller-Pohle suchte lange nach damals seltenen digitalkompatiblen Druckverfahren, ehe er auf Michael Maria Müller stieß, der in einem Fotofachlabor in Berlin-Tiergarten daran forschte, die für Digitalproofs auf beschichtetem PE-Papier konzipierte Iris für Drucke auf klassischen Künstlerpapieren zu modifizieren. Er tat es aus Spieltrieb, denn einen Markt dafür gab es noch nicht. Die Schlacht spielte sich ab zwischen computergesteuerten Druckdüsen und dem zu bedruckenden Material: das eine Papier saugte zu sehr, ein anderes wies die Farbe ab. Es galt, ein für das Projekt geeignetes Material in Feinabstimmung zur punktuellen Spritztechnik des Druckers zu bringen. Die wochenlangen Versuche führten zu pixelkompatibler Genauigkeit, und die „Digitalen Partituren“ erwiesen sich als eine Ouvertüre des digitalen Kunstdrucks, deren Erkenntnisse auch für nachfolgende Projekte wegweisend war.

Verwies die klassische Fotografie auf die Welt des Realen, so deutet die digitale Fotografie auf die Möglichkeiten einer unendlichen Ursuppe, der das Reale nur ein Teil ist. Bilder können in der poetischen Kraft des Digitaltextuellen sowohl selbstidentisch redupliziert als auch transformiert werden. Das Digitale machte die Fotografie zur Partitur, der sogar die Chaostaste innewohnt. Die „Digitalen Partituren“ zeigen unmittelbar, wie der Wahrheitsanspruch des Fotografischen durch mathematische Exaktheit kippt, da er um das Imaginäre erweitert wurde.
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Andreas Müller-Pohle. Digitale Partituren IV (nach Nicéphore Niépce), 1998
Acht Iris Prints auf Aquarelle Arches satiné 356 g/qm

Die analog-digitale Schnittstelle thematisierte Müller-Pohle auch im Nachfolgewerk „ Face Codes“. Es war die einzige digitale Fotoarbeit, die im Jahr 2000 in der Jahrhundertausstellung der Neuen Nationalgalerie Berlin gezeigt wurde. Sie umkreist Bildinformationen in Form von alphanumerischen Codes, wobei ein digitaler String aus acht – in Kanji-Zeichen übersetze – Code-Elementen stellvertretend für den Gesamtcode in ein Videobild integriert ist. Und auch „Yumiko“ (2002) dialogisierte zwischen den beiden so unterschiedlichen Sphären: Die Augen einer in eine Kamera blickenden japanischen Tänzerin steuern das Tempo einer am unteren Bildrand laufenden Zeichenfolge, die den kompletten alphanumerischen Code eines aus den sechstausend Frames des Videos erzeugten Durchschnittsbildes repräsentiert.

Die Entstehung der „Digitalen Partituren“ war ein Déjà-vu: Während Niépce mit Licht, mit chemischen Lösungen und Papier Realität fixierte und die Fotografie erstehen ließ, so führten Michael Maria Müller und Andreas Müller-Pohle die Verwandlung eben dieses Werkes dank neuer fotografischer Druckverfahren fort. Am Ende der Fotografie rekapitulierten sie deren Anfänge und erwirkten die Auferstehung eines historischen Fundes. Ihr „Blick aus dem Fenster“ galt, wenn der Drucker Zeile für Zeile druckte, dem 1995 neu entstehenden Potsdamer Platz und dem dortigen „Ballett der Kräne“, das ein inspirierendes Sinnbild technischer Innovationen war. Wie Alchimisten saßen sie im abgedunkelten Studio, wie Forscher in frühen Tagen agierten sie in der Zwischenwelt von realen Substanzen und zauberhaften Erscheinungen.

Weiterführende Literatur und Online-Resourcen
http://www.muellerpohle.net/
• Andreas Müller-Pohle: codeZone. Digital Works 1995–2005.
With an essay by Gu Zheng. Shanghai: Aura Gallery, 2005


• Andreas Müller-Pohle: Yumiko. Portland: Nazraeli Press, 2003




• Andreas Müller-Pohle: Interfaces. Foto+Video 1977–1999.
Edited by Hubertus von Amelunxen. Göttingen: European Photography, 1999 (German/Englisch)


• Andreas Müller-Pohle: Digitális Partitúrák III.
With a preface by László Beke and essays by Florian Rötzer and Andreas Müller-Pohle. Budapest: Mücsarnok / Art Hall, 1998 (Hungarian/German)


• Andreas Müller-Pohle: Synopsis.
With an essay by A.D. Coleman. Atlanta/Houston: Goethe Institutes, 1997 (English)


• Andreas Müller-Pohle: Synopsis.
With an essay by A.D. Coleman. Québec: Vu – Centre de la Photographie, 1997 (French)


• Andreas Müller-Pohle: Partitions digitales I (d’après Niépce).
With an essay by Florian Rötzer. Paris: Galerie Condé, 1997 (French/German)
Veröffentlichungen der beschriebenen Arbeiten in Büchern und Katalogen
• Wolf Lieser: Digital Art. Königswinter: h.f.ullmann/Tandem Verlag, 2009




• Hans Dickel/Lisa Puyplat/Karl Manfred Fischer (eds.):
100 Meisterwerke zeitgenössischer Druckgraphik und Beispiele der Photographie aus der Sammlung der Städtischen Galerie Erlangen. Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2007


• Urs Meyer/Roberto Simanowski/Christoph Zeller (eds.): Transmedialität.
Zur Ästhetik paraliterarischer Verfahren. Göttingen: Wallstein Verlag, 2006


• Andreas Krase/ Agnes Matthias (eds.): Wahr-Zeichen. Fotografie und Wissenschaft. Dresden: Technische Sammlungen Dresden. Museen der Stadt Dresden, 2006




• Roberta Valtorta (ed.): Alterazioni. Le materie della fotografia tra analogico e digitale. Milan: Museo Fotografia Contemporanea, 2006


• Silke Helmerdig/Martin Scholz: Ein Pixel, Zwei Korn.
Grundlagen analoger und digitaler Fotografien und ihre Gestaltung.
Frankfurt/Main: Anabas-Verlag, 2006


• Roberta Valtorta: Volti della fotografia.
Scritti sulla trasformazione di un’arte contemporanea.
Milan: Skira editore, 2005


• Gottfried Jäger/Rolf H. Krauss/Beate Reese:
Concrete Photography / Konkrete Fotografie. Bielefeld: Kerber Verlag, 2005


• Mesiac fotografie / Month of Photography 2004. Bratislava: Fotofo, 2004


• Encontros da Imagem. Metamorfoses do Real. Braga: Encontros da Imagem, 2004




• Christiane Paul: Digital Art. London–New York: Thames & Hudson, 2003


• Hans-Michael Koetzle: Das Lexikon der Fotografen. 1900 bis heute.
Munich: Knaur, 2002




• Reinhold Mißelbeck (ed.): Prestel-Lexikon der Fotografen.
Von den Anfängen 1839 bis zur Gegenwart. Munich: Prestel Verlag, 2002




• Gottfried Jäger (ed.): Die Kunst der Abstrakten Fotografie / The Art of Abstract Photography. Stuttgart: Arnoldsche Verlagsanstalt, 2002


• FotoFest 2002. The Classical Eye & Beyond:
New Technology, Mixed Media, Classical Photography. Houston: FotoFest, Inc., 2002


• ex machina: Über die Zersetzung der Fotografie.
Berlin: Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, 2001


• Geoffrey Batchen: Each Wild Idea. Writing, Photography, History.
Cambridge: The MIT Press, 2001




• Photosynkyria 2000. Thessaloniki: Thessaloniki Museum of Photography, 2000




• Nationalgalerie Berlin (ed.): Das XX. Jahrhundert.
Ein Jahrhundert Kunst in Deutschland. Berlin: Nicolaische Verlagsbuchhandlung, 1999
• Rencontres Internationales de la Photographie (ed.): Vive les modernités!
Arles: Actes Sud, 1999
• Macedonian Museum of Contemporary Art. The Permanent Collection.
Volume II/Photography. Thessaloniki: Macedonian Museum of Contemporary Art, 1999


• Johan Swinnen (ed.): Attack! Photography on the Edge.
Antwerpen: Uitgeverij Houtekiet, 1999




• Photosynkyria 96. Thessaloniki: Camera Obscura, 1996


• Hubertus von Amelunxen / Stefan Iglhaut / Florian Rötzer (eds.):
Photography after Photography. Amsterdam: Overseas Publishers Association, 1996