Faksimiles – zwischen Anspruch und Möglichkeit

:: Ob Bücher, Gemälde, Dokumente oder Fotografien, Originale sind immer von Zerstörung bedroht. Berührung zerkratzt, Feuchtigkeit zersetzt, Transport zerrüttelt und Licht ist wie Gift. Wertvolle Werke sollten tief gefroren im Erdinneren lagern, wollte man sie langfristig erhalten. Alle aber wollen die Bilder sehen. Und so hängen die Originale, fahrlässig der raschen Vergänglichkeit ausgesetzt, in Museen. Doch sind es tatsächlich stets die originalen Unikate? Ist Mona Lisa wirklich die echte?! Lasst uns hoffen, dass es den geheimen Pakt gibt, nur Duplikate prominenter Werke auszustellen, denn Wissen mag Macht sein, Unwissen aber kann, angesichts der Unversicherbarkeit so mancher Werke, Klugheit, ja weitsichtige Vorsicht sein. Lieber nicht wissen was ich sehe, als wissend durch meinen Blick zu zerstören! aura_gg_0712_cut

George Grosz. „Daum“ marries her pedantic automaton „George“ in May 1920, John Heartfield is very glad of it. 1920 (Ausschnitt) Faksimilierung für die Berlinische Galerie. © Foto: Artificial Image 

Was, wenn die der Öffentlichkeit präsentierten Exponate Faksimiles wären? Kaum jemand würde es merken. Erst das Wissen darum zerstörte die Aura des Exklusiven. Doch schon traditionelle Kopisten stellten das Benjaminsche Aura-Diktum auf den Kopf. Seit nun munter geradezu alles reproduziert und vieles geklont wird, werden auratische Fragen bezüglich der Präsentation relevant: Ein Gemälde aus einer Kirche kann in einem Museum unmöglich dieselbe Wirkung erzielen, kann nicht wirklich dasselbe mehr sein, denn es wollte einst Anbetung, nicht Anschauung. Eine Skulptur im Tempel zielte nicht auf Ästhetik, sondern auf Einheit. Das Museum also ist die eigentliche Falle des Auratischen – egal, was da hängt. Kunst ist – wie auch immer ein Original-Kandinski bei mir auf dem Klo wirken mag – zunächst stets in einem anderen als musealen Kontext zu Hause.

Rettet die Kunst!

Wider das Zerbröseln der Originale retten Faksimiles die Kunst. Sie tun so als ob. „Mache es ähnlich“ ist die lateinische Übersetzung, „mache es identisch“ ist die technische Realität. Wer dann fragt, ob das Selbstidentische identisch ist, sei darauf verwiesen, dass das Produzieren selbst ein künstlerischer Akt ist. Seit je her gibt es Fachleute, die sich beispielsweise explizit der fotografischen Druckverfahren annehmen: Michael Maria Müller von Artificial Image kann ein Lied davon singen, dass sogar das Erstellen von Originalen umstritten war, als die digitalen Techniken jung waren, selbst wenn die Ergebnisse dieselbe Qualität erfuhren – ja sich sogar als haltbarer erwiesen. Denn gerade farbige Arbeiten auf Papier waren früher, vor der Erfindung der digitalen Reproduktions- und Drucktechniken, besonders gefährdet.
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Der DADA. Berlin, 1919 (Ausschnitte aus mehreren Proofs mit Korrekturanweisungen für die Faksimilierung des nie veröffentlichten Dadaistischen Handatlas, herausgegeben von Richard Huelsenbeck. Illustrationen von George Grosz und Raoul Hausmann. © Berlinische Galerie [Foto: Artificial Image]

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Kopisten und Fälscher gibt es seit langem. Sie malten. Fototechnische und insbesondere digitaltechnische Reduplikationen dagegen sind relativ neu. Erst jüngst hat sich ihre Qualität als hervorragend und als langfristig haltbar erwiesen, denn auch hier geht es “nur“ um Farbe und Material. Neben der Erstellung von Originalen, der Haupttätigkeit, rettete Artificial Image dem Blick des Betrachters schon so manch unbezahlbares Werk: Das Pandämonische Manifest von Eugen Schönebeck und Georg Baselitz zum Beispiel, oder Collagen von Hanna Höch für die Berlinische Galerie. Oder Edvard Munchs Madonna für einen anonymen Privatsammler, der das Original lieber im Tresor weiß, auf den täglichen Anblick der Schönen aber nicht verzichten möchte.

Ist es zu risikoreich, die Bilder und Werke aus den Museen ins Studio von Artificial Image zu bringen, um sie dort mit Großbildkamera abzuscannen und dann den komplexen Prozessen der Authentifizierung zukommen zu lassen, werden die Gerätschaften ins Museum gebracht. Die Faksimilisierung kann unter versicherungskompatibler Aufsicht erfolgen. Artificial Image faksimilierte das berühmte Insektenbuch und die Frauen von Kitagawa Utamaro im Dahlemer Museum für ostasiatische Kunst, auch ein Stillleben mit Blumen und Früchten von Paul Cezanne in der alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel Berlin. An gleicher Stelle stand ein Blühender Kastanienbaum von Auguste Renoir nach vielen Jahren wieder auf schwerer Staffelei. Welch Erlebnis, nachts, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, solch‘ Werken im Arbeitsprozess derart nahe zu sein.
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Nachts in der Nationalgalerie, Museumsinsel Berlin. © Fotos: Maika Gregori

Welch Erlebnis auch, „Liebesbriefe“, Fanpost von Nastassia Kinski und Jim Jarmush an Wim Wenders in Händen zu halten! Oder das Original-Script der Lautschrift für John F. Kennedys legendären Ausspruch: Ich bin ein Berliner! Das Papier ist holzhaltig, nach wenigen Jahren also dünn, gläsern und zerbrechlich. Hier zeigt sich eine der Herausforderungen des Kopierens: Das Material! Es ist eine Artificial-Image-interne Wissenschaft, das optimal druckfähige Papier zu finden. Das sensible, bisweilen rare Material ist durchaus ein Kostenfaktor. Welch Genuss dann aber auch, ein Faksimile mit dem Original zu verwechseln!

Alles ist möglich

Wenn des darum geht Originale zu reproduzieren, ist eine gesteigerte Auflage nur ein geringer zusätzlicher Kostenfaktor. Selbst wenn die Öffentlichkeit vom Faksimilecharakter nichts erfährt, ist das Original nur dann geschützt, wenn es Kopien gibt. Sie sichern den Erhalt der historischen Unikate. Erstaunlicherweise bieten Museen in ihren Shops zwar Poster prominenter Werke an, hochwertige Faksimile als exklusives Angebot dagegen finden sich selten.

Das Faksimile nicht nur als Genuss und Konsum für die Masse, sondern als Option einer geschichtlichen Tragweite erlaubt neben der Rekonstruktion des Bestehenden auch die der Ursprünglichkeit: Verblasste und eingedunkelte Bilder lassen sich aufhellen. Sie wirken frisch wie am Tag ihrer Entstehung. Bild-Restauratoren könnten endlich ihre Finger von den Originalen lassen, denn was heute als wissenschaftlich erwiesen gilt, kann sich morgen als fataler Irrtum erweisen. Restaurierte „Originale“, die heute in weltweit zahlreichen Museen hängen, zeigen die Werke zwar (gemutmaßt) wie der Künstler sie sah, doch zerstören deren Geschichtlichkeit. Wenn die feinen Risse der Patina glattgekleistert sind, versackt die Aura zu Kitsch, wenn der in die Gemälde eingedrungene Weihrauch der Kirchen wegradiert wird, wirken die Werke wie Computersimulationen aus dem Hause Disney. Wollens hoffen, daß Goya, Raffael, Rubens und Dürer im Madrider Prado-Museum restaurierte Duplikate sind und daß die Originale sicher im Keller ruhen!

Demgegenüber eröffnet sich das Faksimile neben der Original-Duplizität als Spielfeld des Möglichen. Ein mit Frische angehübschtes Werk ist, ohne dem Original zu schaden, durchaus sehenswert und erkenntnisreich. Unterschiedliche Parameter lassen sich lustvoll variieren, ohne Anspruch auf Authentizität erheben zu müssen. So schon das Fax als Dokumentdoppelung von Faksimile kommt, so wohnt ihm auch die Option des Fakes inne: Faksimiles vermögen das Identische fraktal wie paradox zu steigern. Michael Maria Müller betont: „Möglich ist alles. Man muss es nur wollen“.