Zu den Fotoarbeiten von Heidi Specker

:: Eine der nobelsten Eigenschaften der Fotografie ist ihre Fähigkeit, den Blick des Betrachters zu schärfen. Doch dazu bedarf es unabdingbar einer Vorarbeit, nämlich des geschärften Blicks auf Seiten des Fotografen. Heidi Specker ist unterwegs, um das Unauffällige für bildwürdig zu erklären und die Koexistenz der Gitter, Raster, Muster und Verästelungen, die von verschiedenen Epochen, Kulturen, Ideen künden, sichtbar zu machen. Ihr Blick ist zugleich (was die Auswahl betrifft) radikal subjektiv und (hinsichtlich der nüchternen Auffassung) der eines Archivars, wobei die Fehlstellen, die Specker bei der Hängung ihrer Bilder in Ausstellungen lässt, den quasi archäologischen Anspruch noch unterstreichen.

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Heidi Specker. Bangkok, 2005 Piezo-Pigmentprints 20,5 x 27,5 cm auf Fabriano Disegno 5 300 g/qm

Wie sehr Design – oder wie man einst zu sagen pflegte: Formgebung – Ausdruck einer bestimmten Ära ist, wird immer dann besonders deutlich, wenn unterschiedliche Generationen über Stilfragen diskutieren. Begreift man etwa die eigene Jugend als Zeit muffiger Enge, dann wird man auch das Design der Zeit als beklemmend empfinden, denn es bildete den äußeren Rahmen und lieferte das Dekor zum Albdruck. Dass Heidi Specker, Jahrgang 1962, ihr Augenmerk auf Sichtbeton (Serie Concrete) oder Ornamente des Plattenbaus (Serie Teilchentheorie) richtet und selbst in Bangkok noch die perpetuierte Internationale der zementierten Zierleiste fokussiert, mag daher wenig erstaunen. Doch ihr Blick ist ein liebevoll sachlicher, der immer über die reine Reproduktion hinausgeht, sei es durch den wie zufällig wirkenden Blickwinkel, sei es durch eine Unschärfe, die die Fassaden zum flirren bringt. Kaum eine Fotografie ist frontal aufgenommen, die Linien stürzen, die Häuserfronten neigen sich, wirken labil, desolat, verlieren ein wenig von ihrem Brutalismus. In der sensiblen Zusammenstellung der Reihen zu Tableaus entstehen dann neue Gebäude, überraschende formale Konstellationen, Ausblicke und Durchblicke. Die Fähigkeit des Mediums Fotografie, sowohl große Tiefe vorzuspiegeln, als auch hintereinanderliegende Objekte auf einer Ebene zu verschmelzen, nutzt die Fotografin extensiv. Monochrome Flächen entpuppen sich durch einen Ausblick auf Wolkenkratzer in der Ferne als fensterlose Fassaden, das Gewirr von feinen Zweigen vereinigt sich mit einer gepunkteten Wand.
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Heidi Specker. Teilchentheorie, 1998
Iris Prints 50 x 65 cm auf Aquarelle Arches satiné 300 g/qm

Es wäre verlockend, Speckers Serientitel Teilchentheorie zum Anlass zu nehmen, um über die Messgrößen eines Teilchens, Ort und Impuls, oder über Standardabweichungen, Streuungsmessungen und die Unschärferelation zu fabulieren. Aber es genügt vermutlich vollkommen, den Titel als dezente Anspielung und Aufforderung zu verstehen, ein paar visuell vorgetragene Gedanken über mögliche physikalische Gesetze der Ästhetik zu vertiefen und sich von Zeit zu Zeit zu vergegenwärtigen, dass es sich, trotz aller Bemühungen um eine Fiktionalisierung des Mediums, bei der Fotografie zunächst um das Produkt eines physikalischen Prozesses handelt. Specker nutzte schon früh, früher als das Gros der Fotografen, die Möglichkeiten der Digitalfotografie und der Nachbearbeitung, und sie legt besonderen Wert auf die Materialisierungen ihrer Bilder, auf die Oberflächen und Rahmungen, die sie bei jeder entstehenden Serie aufs Neue erprobt und überdenkt, denn die Teilchen der Theorie sind bei Specker sowohl die grenzenlos präsenten Gussformen in ihren Fotografien, als auch ihre Fotografien selbst, die sich jeweils raumbezogen immer wieder neu und anders kombinieren lassen. Unter der Fluktuation der Bilder, das macht Specker sehr deutlich, ist dabei keineswegs ein ‚anything goes‘ zu verstehen, sondern eine künstlerische Freiheit, die von klarer formal-ästhetischer Empfindung geleitet ist.

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Heidi Specker. Landhaus Lembke, 2008
Piezo-Pigmentprints 33 x 17 cm auf Hahnemühle Photo Rag Ultra Smooth 310 g/qm

Wenn sie sich dem Landhaus Lemke von Mies van der Rohe, und damit dem Konzentrat der Moderne (so der Titel ihres Buches mit einem Essay von Wita Noack) annähert, dann tut sie das über die Außenmauer, die handwerklich präzise verfugte Grundbedingung jedes ernstzunehmenden Baus, und gestattet sich als Gegenpart geradezu immaterielle Reflexionen, Schattenspiele oder Spiegelungen des Gartens in Fensterscheiben, hinter denen sich Räume öffnen oder durch Stoffe verborgen bleiben. Strukturen und Materialien werden verwoben, Ebenen überlagern sich zu subtiler Vielschichtigkeit, das Fragmentarische aber bleibt auch hier stets oberstes Prinzip.

Werden die Architekturraster, die durchweg so angelegt sind, dass sie als Rapport potentiell jede Fläche (und letztlich auch die Erdoberfläche) überziehen könnten, bei Heidi Specker in zwar überwiegend leicht gedämpftem aber zugleich hellem Kolorit durch Licht und Dunkel konstituiert, so gestattet sich die Fotografin in Lob des Schattens ein Abtauchen in eine wirkliche – oder vielleicht doch nur künstlich erzeugte? – Nacht. Der Titel zitiert den berühmten Essay von Junichiro Tanizaki, jenen Entwurf einer Ästhetik japanischer Sinnlichkeit aus dem Jahre 1933. Der Autor huldigt dem Halbdunkel, das der haptischen Wahrnehmung förderlich ist und ein Grundprinzip japanischer Architektur und japanischen Schönheitsempfindens darstellt, denn

»das, was man als schön bezeichnet«,

so Tanizaki,

»entsteht in der Regel aus der Praxis des täglichen Lebens heraus.«

Heidi Speckers Bilder vom Schattendasein spielen mit dieser Ästhetik, indem sie sich als prosaische Visualisierungen eines Ortes verweigern, eine haptische Sinnlichkeit aber zugleich nur vorspiegeln – nur vorspiegeln können, denn sie sind und bleiben Fotografie, deren Anmutung eben per se mehr an eine Spiegelung denn an einen Bildträger erinnert.

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Heidi Specker. Lob des Schattens, 2006
Piezo-Pigmentprints 108 x 144 cm auf Hahnemühle Photo Rag 308 g/qm

Hinter der Schönheit, die aus der Praxis des täglichen Lebens heraus geboren wird, steht bei Speckers Arbeiten ansonsten ein Fragezeichen, denn was wir als schön akzeptieren, beruht nicht nur auf kultureller Prägung, sondern auch auf der persönlichen Erfahrung, die wir im Umfeld ästhetischer Objekte gemacht haben, seien es Jugendstilranken, Nierentische oder ornamentierte Fertigbetonfassaden. Die Kraft von Heidi Speckers Aufnahmen liegt genau in dieser Individualisierung der Wahrnehmung, ihre Bilder diffamieren nicht, was sie zeigen, sie stellen auch nichts grundsätzlich in Frage, aber sie nehmen sich heraus, Fragen zu stellen.