Ting Ting Cheng

:: Das Reisen in fremde Länder dient vielen Menschen vor allem dazu, sich zu vergewissern, wie schön es bei ihnen zu Hause ist. Sie verlassen ihr Heim, um zurückkehren zu können. Das Ankommen an unbekannten Orten, das Landen auf entfernten Flughäfen, das Übersetzen über Flüsse und Meere ist oft genug nur ein Akt der Selbstbestätigung. Wenn schon die Welt den Reisenden nicht verändert, so verändert sich auf einer Reise wenigstens der Blick auf die eigene Heimat.

Die Relation zwischen dem Vertrauten und dem Fremden in Worte und Bilder zu fassen, ist der Kern im künstlerischen Schaffen von Ting Ting Cheng, die, in Taiwan geboren und aufgewachsen, in London Fotografie studierte. Zwischen-Räume zu betreten, das Transitorische als kontinuierlichen Zustand zu begreifen und sich doch an Objekten festzuhalten, die die eigenen Wurzeln symbolisieren: Dafür fand die Fotografin bereits in Serien wie Things We Never Know sehr intime Bilder, die von Verlassenheit erzählen und punktgenau im Ungewissen landen. Das Übersetzen, nicht über einen Ozean, sondern vom Bild in Schrift und zurück, hat Veränderungen zur Folge, die durchaus Ähnlichkeiten mit jenen Veränderungen aufweisen, die durch das Reisen eintreten können. Die Bilder meist nicht näher lokalisierbarer Orte und Details, die Cheng für ihre Serie Reasons for Travel (2009/10) aufnahm, haben ihren Gegenpart in sehr knappen Aussagen. Warum gibst Du die Bequemlichkeit auf und wählst die Aufregung? Warum begibst Du dich auf eine Reise? fragte sie ihre Freunde.

Um ein Außenseiter zu sein, sagt die eine, und das Foto antwortet ihr mit einer Straßenszene, in der blondierte Locken achtlos eine dunkle Sonnenbrille passieren. Um zu entkommen, sagt ein anderer und das Foto zeigt eine körperliche Annäherung. Um die Welt zu sehen, sagt ein Dritter. Doch das in Unschärfe aufgelöste Bild scheint ihm unmittelbar zu widersprechen.

Kaum etwas ist ambivalenter als das Reisen. Es ist Freizeit und Arbeit (wie die so nah verwandten Worte travel für das Reisen und travail für Mühsal und Geburtswehen noch verraten), es ist Vergessen und Erinnern, Neugier und Sehnsucht. Für Ting Ting Cheng, die zwei Heimaten auf zwei Kontinenten in zwei Kulturen hat, besitzt das Verlassen und Ankommen noch eine besondere Note, denn sie ist nie ganz daheim, weil ihr Zuhause nicht nur an einem Ort zu finden ist. Vielleicht liebt sie es auch deshalb, sich innerlich auf einen Reise-Modus einzustellen, der die vibrierende Erregung des Abenteuers impliziert. Selbst wenn alle Flughäfen der Welt aussehen, wie Flughäfen aussehen, sagt Cheng, schafft es dieser Reise-Modus bereits, jeden einzelnen von ihnen als ungemein exotisch erscheinen zu lassen.
Die Sprache der Kommentare passt sie dem Land an, in dem die Bilder ausgestellt werden, und sie liebt den Prozess des Übersetzens, weil er immer einen Bedeutungswandel mit sich bringt und inspirierende Sprachverwirrungen möglich macht. Verstehen lässt sich eine Sprache, wenn man in ihr zu Hause ist. Für alle anderen aber liegt ihre Bedeutung in Zeichen und Klängen.