Zu den Fotoarbeiten von João Penalva

:: Es ist ein kalter Wintertag am Berliner Grunewaldsee, die Kinder und Hunde der besser betuchten Klasse spielen am Ufer, die Erwachsenen flanieren zwischen den Stämmen und Ästen der kahlen Bäume und Büsche. Vertraute Bilder, unspektakulär, doch was das Auge sieht, erfährt durch das Ohr keine Bestätigung. Geräusche und die Stimme eines Erzählers führen uns in andere Regionen, erzählen Geschichten in Mandarinchinesisch, einer Sprache, die zwar zehnmal mehr Menschen sprechen als deutsch, die aber am Grunewaldsee weitgehend auf Unverständnis stoßen dürfte. Um dem Mitteleuropäer nicht nur den exotischen Klang sondern auch die Inhalte zu vermitteln, wird der Sound durch englische Untertitel ergänzt. Film, Sprache und Schrift fließen zusammen und stellen ganz im Sinne des Künstlers die Frage: „Wie viel braucht es, damit all das vertraut und sicher Erscheinende unbekannt und bedrohlich wird?“
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Das klingt zunächst ein wenig, als seien die Bildbotschaften João Penalvas die eines religiösen Sektierers und lauerten wie Zeugen Jehovas an der Straßenecke, um zur Einkehr aufzurufen und davor zu warnen, sich zu sehr in Sicherheit zu wiegen. Doch ihnen fehlt jegliches Sendungsbewusstsein, sie vermeiden jede Aufdringlichkeit, jede Didaktik, jede Moral. Sie üben distinguierte Zurückhaltung und gewähren tiefere Einblicke nur den Neugierigen, die bereit sind, sich auch die notwendige Zeit zu nehmen. Das gilt nicht nur für Penalvas Video-Installationen, sondern in verdichteter Form auch für seine Fotografien, die – obwohl Angehörige einer „zeitlosen“ Kunst – gekoppelt mit einem kurzen Text ein „Zeitfenster“ für sich einfordern. Die Zeilen aber, die als scheinbare Bildlegende in einen gemeinsamen Rahmen aufgenommen werden, erklären nicht das Bild, sondern liefern, was das Bild nicht zeigt. Foto und Text sind beide gegenwärtig, Legende und Bild haben sich jedoch voneinander emanzipiert. Der Wunsch nach Vereinigung kann im Kopf des Betrachters ein Feuerwerk an Assoziationen freisetzen und die Frage nach dem Wirklichen und nach der Glaubwürdigkeit der Medien auslösen.

Man wäre versucht, die Fotografien für realer zu halten als den Text, wenn sie nicht so kafkaesk, so verstörend erschienen, wie etwa in der Khosoko-doro-Serie. Sie zeigt Autobahnbrücken in Tokio als monströse Betonkonstruktionen, die den Individualverkehr als Ausdruck persönlicher Freiheit gewährleisten sollen. Autos sind keine zu sehen und auch nicht die Menschen am Rande der Highways, von denen in den Texten die Rede ist. Das Anwesende ist bei João Penalva stets Brücke zum Abwesenden, dem man sich nur anzunähern vermag, indem man sich auf das Anwesende einlässt. Doch sind die flüchtigen Schicksale in den Texten wirklich weniger präsent als die für die Ewigkeit konstruierten Pfeiler in den Fotografien? Der brachiale Beton ist schließlich seinerseits beredtes wie paradoxes Indiz für eine humane Existenz. Vielleicht ist die Menschheit aber auch schon Geschichte und die Texte sind lediglich Erinnerungen an eine Zeit, in der sich der Verkehr noch in den Bildschirmen der angrenzenden Bürogebäude spiegelte, um dort von Angestellten beobachtet zu werden.
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João Penalva. Khosoko-doro, 2006 – 2008
Sieben digitale Pigmentprints auf Innova Smooth Cotton Natural White 310 g/qm

Das Verhältnis von Bild zu gesprochenem und geschriebenem Wort ist Thema unter den Künstlern seit Jahrhunderten. Schon auf mittelalterlichen Gemälden halten Mönche und Heilige Pergamente und Bänder ins Bild, auf denen Worte die Botschaft konkretisieren. Leonardo da Vinci, als führender Renaissancegeist, betrachtete die Literatur allerdings als minderwertige Kunst, der Zeit unterworfen und nicht in der Lage, die Dinge so abzubilden, wie die Natur sie zeigt. Und doch sind die Bildbeschreibungen in seinen Notizbüchern so detailliert, dass sie Schreie, Staubwolken und Blutpfützen anschaulicher machen, als manches Schlachtengemälde.

An Naturalismus ist es der Kunst – ja selbst der Fotografie – aber schon seit langem nicht mehr gelegen. Die Beziehung zwischen Wort und Bild hat sich verschoben, die leisen oder lauten Zweifel am Realen sind die Norm, Positivismus ruft nur noch Mitleid oder Gähnen hervor. Das Transzendente ist auf dem Vormarsch und João Penalva hat mit einem seiner neueren Bilder für diese Transzendenz ein sanft verstörendes Manifest geschaffen. Die Fotoarbeit Sumiko zeigt eine Frisur. Der Titel legt nahe, dass es sich um die Frisur einer Japanerin handelt, doch wir sehen ihren Kopf lediglich von hinten. Die andere Seite liefert uns ein Text unter dem Bild, der ihr Gesicht beschreibt. Der Prozess der Wahrnehmung wird zu einer Glaubensfrage, zu einem Experiment, das auf Vertrauen basiert. Wort und Bild bedingen und ergänzen sich und schlagen jene Brücken zwischen Auge und Ohr, zwischen Konkretem und Phantastischem.

„Sumiko worked in the Ginza, in the office of her aunt’s modeling agency. She had resigned herself to the fact that she could never be a model, but her aunt thought otherwise. She sent her out one day with Miss Ouchi, the hairdresser, on a hair assignment to Mr Enbutsu’s photographic studio in Akasaka. She had made it clear to him that Sumiko was exclusively a hair model and only to be photographed from the back or her left profile. She had a beautiful face, though ruined by a scar off-centre on her chin, thin like a strand of hair curling back on itself. After months of working together, Mr Enbutsu told Sumiko that he would like to do a portrait of her from the front, to show her how he could paint out her scar. As she took the retouched portrait home she wished that life, like photography, had such simple tricks to set things right.“

Wenn Penalva in den Fundus einer Bühne eintaucht, dann kann er sogar auf die Texte verzichten, denn sein Blick, der Uniformen und Barockrüschen in Tableaus und wattierte Bäuche in Skulpturen wandelt, lässt zu keinem Zeitpunkt vergessen, dass man es mit Theater zu tun hat, mit dem Material zum Erzeugen von Illusionen. Jetzt harren die Objekte auf ihren nächsten Auftritt, der irgendwann kommen wird. Und dann, im Rampenlicht, ergänzen sich Wort und Bild erneut. Doch bis es soweit ist, führen die Dinge ihr intimes Eigenleben und der Betrachter ist eingeladen über die Dramen zu spekulieren, in denen sie bereits ihre Auftritte hatten.
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João Penalva. From Store […], 2009
Digitale Pigmentprints auf Innova Smooth Cotton Natural White 310 g/qm und Piezo-Pigmentprints auf Hahnemühle Photo Rag 308 g/qm

João Penalva ist auf den ersten Blick ein Minimalist, doch er vermag eine Opulenz an Möglichkeiten zu eröffnen, die jeden Rahmen sprengt. Als ein Meister des Verbergens lanciert er seine stillen, reduzierten, man möchte fast sagen: monochromen Bilder, um die Sinne zu schärfen und Neugier auf das Unsichtbare zu wecken, das vielleicht ja doch mit dem Sichtbaren unter einer Decke steckt.