Luzide Interieurs

:: Auf der Reise, die Marei Wenzel nach Vietnam führte, hatte sie ihre Vorstellungen von Raum und Zeit im Gepäck. Obwohl ihr Medium ein radikal selektierendes ist, das während der Aufnahme nahezu ohne Zeit auskommt, legt die Fotografin besonderen Wert auf Langsamkeit, die sich unmittelbar in den Aufnahmen widerspiegelt. Geräusche und Gerüche scheinen einzusickern und sich in dem, was sichtbar wird, abzulagern, der Verknappung der Zeit steht eine Zeitlosigkeit gegenüber, und die Geschichten, die in den Räumen wirksam werden, sind jeder Chronologie enthoben.

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Marei Wenzel. Moc Moc #01
Digitale Pigmentprints auf Innova Smooth Cotton Natural White 315 g/qm

„Die Suche nach Räumen ist für mich gleich auch immer die Suche nach einer Geschichte, die diese Räume erzählen“, sagt Wenzel. In der alten vietnamesischen Königsstadt Hué ist sie einmal mehr fündig geworden. Begleitet von Nhi Nguyen, Dozentin an der dortigen Kunsthochschule, die ihr das Land näherbrachte, entdeckte Marei Wenzel, unterwegs mit ihrer Großbildkamera zur präzisen Erfassung selbst der feinsten Intonationen, jene dreidimensionalen Erzählungen, die sich erst im Kopf des Betrachters zu voller Blüte entfalten.

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Marei Wenzel. Moc Moc #04
Digitale Pigmentprints auf Innova Smooth Cotton Natural White 315 g/qm

Die gängige Redewendung vom „unbegrenzten Raum“ scheint bei näherer Betrachtung ein Widerspruch in sich selbst, nicht, weil die Unendlichkeit so unvorstellbar ist, sondern weil in unserer Wahrnehmung der Raum erst durch seine Grenzen erfahrbar wird. Er wird durch die Dinge definiert und ist im Sinne Kants Voraussetzung für die Möglichkeit der Erscheinungen, also Bühne für die Auftritte der Objekte. Auf diese Objekte wirkt Marei Wenzel meistens behutsam ein, um Details noch besser zur Geltung und die Inszenierungsidee noch klarer zu Ausdruck zu bringen. Das macht ihre Bilder erst zu Versuchsanordnungen und manch vermeintliches Chaos zu einer Komposition. Menschen, so sie in ihren Fotografien überhaupt auftauchen, werden dabei den Dingen gleichgestellt, nicht um sie zu vergegenständlichen, sondern weit eher um zu unterstreichen, dass auch die Dinge auf ihre Weise beseelt erscheinen.
Die Vietnambilder atmen eine intensive Naturnähe und machen einen Umstand geradezu körperlich spürbar: die Feuchtigkeit, die der Hautoberfläche schmeichelt und die Vegetation wuchern lässt, die alle Räume füllt und ihre Vergänglichkeit beschleunigt. Es ist keine feindliche, sondern eine natürliche und selbstverständliche Übernahme, eine schleichende Rückeroberung der Räume durch die Natur, der man ebenso sanft entgegensteuern muss, um sich selbst und seinen Freiraum zu behaupten.

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Marei Wenzel. Moc Moc #05
Digitale Pigmentprints auf Innova Smooth Cotton Natural White 315 g/qm

Die geradezu zärtliche Bezeichnung der Vietnamesen für Schimmelbildung ist Titel von Marei Wenzels Serie. Moc Moc, dieser allgegenwärtige Pilzbefall, wird neben der Spiritualität zur zweiten bestimmenden Größe des buddhistischen Kulturkreises. Das Metaphysische, die selbstverständliche Kommunikation mit verstorbenen Ahnen und anderen Geistern, trifft auf ein Bewusstsein vom Verschwinden, das in diesen geografischen Regionen auf alltägliche und zugleich versöhnliche Weise besonders deutlich und anschaulich zutage tritt.