Ein paar Gedanken zu Susan Hiller: Surrealismus, Pop Art und Konzeptkunst unter einen Hut bringen?

:: Susan Hiller schafft das scheinbar Unmögliche. Und zwar mit Leichtigkeit, indem sie sich nicht an Begrifflichkeiten klammert, sondern stilistische wie ideologische Grenzen mit einem Schulterzucken quittiert. Und wenn jemand ihre Arbeit als ‚anthropologisch‘ apostrophiert, erntet er nur Kopfschütteln: „Ich weiß nicht, was ‚anthropologisch‘ bedeutet. Leute sagen mir das immer wieder, aber ich weiß nie, was das heißen soll.“ Etikettierungen liegen Susan Hiller fern, sie betrachtet es einfach nicht als Aufgabe einer Künstlerin, zu analysieren und zu kategorisieren, dafür ist ihr Horizont zu weit und ihre Wurzeln reichen zu tief, bis in die wilden 1970er Jahre in London, in denen die Amerikanerin das kreative Potential im Umfeld der gewaltigen Hausbesetzerszene, der Arbeitskämpfe und des Feminismus erlebte und mitgestaltete. abstandhalter-010x490pixelsusan_witness

Von einer Decke hängende Ohrhörer mit Aufnahmen in verschiedenen Sprachen:
Susan Hiller. Witness, 2000 (Installation) / 2004 (Piezo-Pigmentprint)

Der Geist des Kollektivs steckt noch in ihren frühen Arbeiten, wie Sisters of Menon (1972), in dem sie eine von Upton Sinclair inspirierte Methode der Gedankenübertragung erprobte: Sie starrt auf eine willkürlich ausgewählte Abbildung aus einer Zeitung, und Künstlerfreunde rund um den Globus zeichnen zeitgleich das, was sie an Informationen zu empfangen glauben. Ein Happening der besonderen Art, das jedoch bereits das Interesse der Künstlerin am Surrealismus und seinen Methoden verrät. Und das ausgerechnet zu einer Zeit, in der der Surrealismus in Kunstkreisen einigermaßen verpönt war. Es lässt sich aber nicht leugnen: Susan Hillers Interesse an Sigmund Freud, an Bildern, die sich eindeutiger Interpretation entziehen, am Automatismus, am Imaginativen, all das deutet nun einmal auf jenen Stil, der im Jahrzehnt vor dem Zweiten Weltkrieg seine Blütezeit hatte und später lediglich noch in Form seiner volkstümlichsten Vertreter Magritte und Dalí zum Dekor von Jugendzimmern popularisiert wurde. Doch sein Potential, seine Quelle im Unbewussten, seine Lust an nicht-kognitiven Vorgängen lebte weiter und hat bis in die Gegenwart Eingang in das Werk zahlloser Künstler gefunden. Kaum einer hat sich allerdings so explizit mit den surrealistischen Techniken und Ideen befasst und ihnen neue Rahmenbedingungen geschaffen, wie Susan Hiller.

Bis heute verhandelt sie in ihren Werken Prozesse des Unbewussten, wenn sie sich mit Sound und Stille auseinandersetzt, vergessene Zeichen sammelt und arrangiert oder telekinetisch experimentiert. Fotografie spielt dabei eine zentrale Rolle. Denn das Medium einzusetzen, wenn es darum geht, ungefilterte Abläufe des Denkens zu ergründen, heißt eine Kapriole um die Ideen André Bretons zu schlagen, der im Automatismus „die wahre Fotografie des Gedankens“ zu erkennen glaubte.
„Der Mensch ist eben, wenn er nicht mehr schläft, vor allem ein Opfer seines Gedächtnisses“, schrieb der Vordenker des Surrealismus, und dieser Gedanke lässt sich über den Traum hinaus auch auf Albträume im Wachzustand erweitern.

Ein solcher ist der Umgang mit den jüdischen Mitbürgern in Deutschland, von deren Existenz noch Straßenschilder in hunderten deutscher Orte zeugen. Es war wohl der viel beschworene Blick von außen, in diesem Fall die Verwunderung einer Amerikanerin, der sich irritiert zeigte. Die Spuren sind noch da, doch das Nachdenken darüber hat im Alltag längst aufgehört, denn wer reflektiert schon über die Namensgebung einer Straße? Die Zeichen sind vorhanden, doch die Menschen gehen achtlos an ihnen vorüber.

„Alles was ich tue, handelt von einem Geist oder Geistern“,

sagt Susan Hiller,

„aber meine Vorstellung von einem Geist ist, dass einen Geist manche Leute sehen und andere nicht.“

Folglich zeigt Susan Hiller in ihren Fotografien den Leuten die Geister. Im Fall ihres J. Street Project Geister der Vergangenheit. Das J erinnert an den Brauch, Menschen, deren Namennennung nicht gesellschaftsfähig ist, auf einen Buchstaben zu reduzieren und zitiert zugleich das J, das die Nazis den Juden in ihre Pässe stempelten. Susan Hiller hat die J-Orte lokalisiert und akribisch auf ihrer Fahrt durch Deutschland filmisch und parallel dazu auch fotografisch erfasst. Die Bilder, die entstanden, sind unspektakulär, still, gelegentlich von einer Poesie beseelt, die von manchem Moralwächter zweifellos als unangemessen gerügt wird. Doch sie offenbaren vor allem die minimalistische Präzision, die sich die Künstlerin im Laufe von vierzig Jahren im Umgang mit Zeichen angeeignet hat, ihren Respekt vor ihrer Stellvertreterschaft, der Erfassung ihrer Präsenz anstelle des Nicht-mehr-präsenten, ihre Entwicklung eines Eigenlebens. abstandhalter-010x490pixelsusan_j_sw_cut

Susan Hiller. The J. Street Project: Index (Ausschnitt), 2005 – Original in Farbe
Dreizehn Piezo-Pigmentprints auf Hahnemühle William Turner

Das Anwesende und das Abwesende und ihre Verbindung miteinander und die erschütternde Begegnung zweier Objekte an einem Ort, an dem man sie niemals erwartet hätte, all das gemahnt an die Keime des Surrealen, die hier, wenn auch modifiziert, weiter wachsen und gedeihen. So auch in Hillers Curiosities of Sigmund Freud (2005), einer intimen Hommage an den Psychoanalytiker.

Aus dem Besitz der Familie stammt eine Sammlung von Dias – Kuriositäten für die Betrachtung durch das Mikroskop –, doch was die Vergrößerung offenbart, sind Schemen, die auf ihre Weise landläufigen Vorstellungen des Geisterhaften nahe kommen. Die Königinnen und Könige Englands verschwimmen zu insektenhaftem Gewimmel, das Thronjubiläum Königin Victorias bläht sich ungesund zu diffusen Blasen und beim Kirchgang am Sonntagmorgen huschen Schatten ins Schwarz des unscharfen Portals. Auf diesen Bildern spukt es, keine Frage, und sie alle gruppieren sich um einen Tintenklecks in einem Brief Sigmund Freuds, dem einzig scharfen Bild der Serie. Dem Schreiber ist die Feder aus der Hand geglitten und hat selbstständig Zeichen hinterlassen, „Geheimzeichen“, wie Freud augenzwinkernd schreibt, an deren Interpretation man allerdings besser keine Zeit verschwende.

Susan Hiller sprach dieses kuriose Beispiel des „automatischen Schreibens“ an und ebenso der Humor des begleitenden Kommentars. Abgeklärt und mit erfrischender Leichtigkeit reflektiert sie ihre Methoden, ihr Spiel mit dem Unbewussten und das Zwanghafte von Auslegungen, das penetrante Bedürfnis Nachzuhaken, sich an der Sinnsuche in jedem Kunstprodukt, in jedem Tintenfleck des Universums zu beteiligen. Und dennoch (oder gerade deshalb) lassen Susan Hiller die geheimen Botschaften nicht los. Das zeigt ihre Serie von Signs aus dem Jahr 2008, die bis an die Ursprünge menschlicher Zeichensetzung zurückzugehen scheint. Hochauflösend in Pigmentfarben auf schweres Papier gedruckt, wirken sie wie Schriften vergangener Epochen, wie überlieferte Dokumente über noch viel ältere archaische Ritzzeichnungen und Höhlenmalereien, und Titel wie Library und Palimpsest unterstreichen diese Assoziation. Als wären diese Blätter in vergessenen Archiven aufgestöbert worden oder tatsächlich mittelalterliche Manuskriptrollen, durch Abschaben alter Botschaften für neue aufbereitet. Eine Überlagerung der Inhalte, eine Archäologie der Informationen.
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Susan Hiller. Archive (Ausschnitt), 2008
Vier digitale Pigmentprints auf Hahnemühle FineArt Pearl

„Die Imagination ist vielleicht im Begriff, wieder in ihre Rechte einzutreten“, schrieb einst hoffnungsvoll André Breton und zog seinen Hut vor Sigmund Freud. Und Susan Hiller? „Ich denke, wir alle leben im Freud-Museum“, ruft sie ihrem Publikum zu. „Das Freud-Museum ist ein kulturelles Konzept, aus dem wir nicht entkommen können.“