Es gibt Bilder, die sich aufgrund des menschlichen Ausnahmezustands der Ereignisse, die sie dokumentieren, nachhaltig ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Oft sind dies einzelne, eine Extremsituation oder einen einzigartig kulminierenden Moment fixierenden Schnappschüsse. Es gibt jedoch auch Begebenheiten, deren Begleitung einen ganzen Fundus solcher Bilder hinterlassen, die sich dann in ihrer Vielzahl keinesfalls relativieren, sondern im Gegenteil, der Besonderheit der Ereignisse eine eigene Dringlichkeit verleihen. Die photographischen Dokumente des massenhaften und schließlich industriellen Tötens in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus, sind solche Bilder.

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Amin El Dib hat sich solchen Bildern in einer Auseinandersetzung photographischer Überarbeitungen gestellt. Für ihn ist daraus ein Prozess geworden, der im Abstand von Jahren, mehrere Phasen der unterschiedlichen Neubearbeitung der eigenen, sich die Dokumente zur Vorlage nehmenden Bilder durchlief. Das Spektrum dieser Überarbeitungsvorgänge umfasst photographische Mittel ebenso, wie massive manuelle Bearbeitungen von Bildoberflächen, bis hin zu digitalen und formalen Neustrukturierungen. Das in der Ausstellung gezeigte Bild ist ein Fragment aus einer zwanzigteiligen Einheit. In einer großflächigen, sich dynamisch gliedernden Struktur, zeigen sich einander überlagernde Bildschichten, in denen sich als Ablagerungen, sowohl die Spuren der Vorlage, wie auch die Spuren der verschiedenen Bearbeitungsvorgänge zeigen. Die Gliederung in zwei großformatige Bildkörper, von denen der eine von Grau-, der andere von Schwarzwerten bestimmt wird, die sich deutlich in Pixelstrukturen auflösende Oberfläche, sowie eine prominente Rahmung, sorgen für eine formalisierende Distanznahme. Das Bild wird so auf vielfältige Weise in seiner Gegenständlichkeit als physisches Objekt besonders betont. Ihm wird damit eine Wuchtigkeit verliehen, die der Wucht des Bildgegenstandes gegenüber tritt.

In immer weiteren Bildern nicht das Ende einer gültigen Antwort finden zu können, oder zu wollen, eine solche fortgesetzte Beschäftigung mit dem Thema, die Dringlichkeit ebenso belegt, wie eine Weiterentwicklung der eigenen Sprache in der Herausforderung der Auseinandersetzung, illustriert Nietzsches Beobachtung, das nur, was nicht aufhört weh zu tun, in Erinnerung, bzw. in Bearbeitung bleibt.